Ich erinnere mich an Sommer, in denen ich auf dem Hof vor der Nationalbibliothek stand und die Sonne ging über dem Péitrusdall unter. Das letzte Licht brach sich an den kleinsten Dingen und strahlte diese milde Wärme aus, die die ganze Atmosphäre erfüllte. Alles war in orange, gelb und rot getaucht, der Himmel, die Gebäude, die Natur und die Menschen die sich darin bewegten. Ich stand still und versuchte, das alles in mich aufzunehmen, nichts zu versäumen. Die ganze Schwere, die dich belastet haben mag, war wie gelüftet von dir und der Welt überhaupt. Sie hing natürlich im Raum, aber keiner war sich ihrer bewusst, denn sie hatte einfach keine Macht.
Ich schaute, wie die Sonne hinter Wolkenfetzen langsam niedersank und die Licht/Schatten-Gebilde sich veränderten. Alles geschah langsam und ruhig. Ruhe, das war es, was überhaupt alles erfüllte in diesen Momenten. Drei Menschen gingen auf der Brücke an meinem Blick vorbei, zwei junge Frauen und ein Mann. Die eine trug einen langen flatternden Rock, der sich bei jedem Schritt ausbreitete und wieder schloss. Sie sprachen kein Wort, aber sie lächelten alle drei und ihre Schritte machten den Eindruck als verliefen sie parallel zu ihren Atemzügen. Diesem Schauspiel hätte ich mich ewig widmen können, und versuchte es auch, obwohl es keine Not gab, denn damals war mein ganzes Leben von solchen Momenten durchzogen. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner besten Freundin im Park auf der Wiese saß unter „unserem Baum“ und wir uns Rilkegedichte vorgelesen haben. Ich erinnere mich, wie wir, uns bei der Hand haltend, auf dieses in meiner persönlichen Mythologie so bedeutsame Gebäude zugingen, und jede Stufe die wir hinaufstiegen enthüllte unserem Blickfeld ein weiteres kleines Stück dieses Topos, der mir damals noch glücklich und bergend vorkam. Ich erinnere mich an Winternächte in Millionenstädten, in denen ich mir vorkam wie der freiste Mensch auf der Welt. Wir fühlten uns so wohl, dass wir nachts auf frierenden Bahnhöfen die conorschen Lieder sangen, die unsere Seele bis zum heutigen Tag zusammenhalten, und diejenigen die um sie wussten, lauschten und lächelten.
Es war eine Zeit, in der das Leben mir schön und schwermütig erschien. Denn das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil, die Melancholie war es, die machte, dass man das Furchtbare überhaupt ertrug, und die die Realität umformte, bevor sie in uns drang. Man konnte es mit dem Leben aufnehmen, selbst in Zeiten der Wut, des Verlusts und des Selbsthasses. Ich erinnere mich, wie ich in diesem Zimmer auf dem Boden lag und Schuld und ein zerstörtes Selbstwertgefühl meine Psyche einrissen, und dann kam diese Musik, die Bilder wachruft von verregneten Nächten in einem Glasgow außerhalb der Reichweite der Bodenständigkeit, und sie traf mich in meiner eigenen verschütteten Melancholie und wusste mir dadurch wieder aufzuhelfen. Ich hörte nicht auf zu weinen, es hörte nicht auf zu schmerzen, aber mein Inneres war gesichert. Der Kern konnte nicht gespalten werden.
Heute ist das anders. Die Melancholie, diese treue Gefährtin, wurde verdrängt, und kann sich nur noch selten zu mir durchringen. Ich bin mittlerweile schon fast nicht mehr empfänglich für Mythenbildung, und Ruhe, ich meine die innerliche, die wahre, ist eine Rarität geworden von deren Wesen und Einzelerscheinung ich jedes mal überrascht bin wenn sie dann doch einmal einkehrt.
Mein Lebensgefühl wird bestimmt von einem Spannungsverhältnis zwischen dem Willen zur Ablehnung und dem Zwang zur Akzeptanz der Realität. Denn sie wird nicht mehr so umgeformt, dass ich sie ohne diese Widersprüche aufnehmen kann. Oder anders ausgedrückt: Früher hat die Melancholie mich von dem abgeschirmt, was wir unter Realität verstehen, heute bin ich ihr schutzlos ausgeliefert. Wodurch kommt das? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal vorsätzlich und bewusst über diese Frage nachgedacht hätte, irgendwie war die Antwort auf einmal einfach da und erst danach hat sich die Annahme bestätigt durch Beobachtungen die immer mehr Nachweise hinzugefügt haben. Der Verlust meiner Melancholie ging mit dem Heraustreten aus der Naivität einher. Es gibt Menschen, die sich eine gewisse Naivität als Schlupfloch bewahren können, egal mit wieviel Realität sie konfrontiert werden und egal wie reflexiv sie wedren, und diese Menschen sind zu beneiden. Denn bei den meisten von uns führt das Weiterschreiten im Leben zu unüberwindbarer Reflexivität, und die Schutzhülle, die die Naivität bietet und die bei mir eben in Form von Melancholie vorhanden war, wird somit hinfällig. Ich bin zu reflexiv geworden, ich habe mich zu oft nach den Hintergründen umgedreht und zuviel gelesen. Ich habe zuviel zugehört und zuviele Fragen gestellt. Nun ist es unwiederbringlich.
Die Zeichen des Umbruchs waren von Anfang an da und zeigten sich immer deutlicher. Die Bibliothek lauerte eben schon immer in meinem Rücken, die Millionenstadt hielt mir eigentlich schon beim ersten Mal ihre soziologischen Abgründe entgegen, die conorschen Konzerte riefen wie antimythologische Meerjungfrauen zu Einsicht und Veränderung. Oder auch: nach Rilke kam der Zweite Weltkrieg. Ich erinnere mich, wie ich, von Verlorenheit eh getrieben, unter einem weißen Himmel in eine weiße Einöde hinausging, immer weiter und weiter, bis ich jegliches Gefühl für Zeit und Distanzen verloren hatte, bis ich die Kälte nicht mehr spürte, und als der Schnee die ganze Welt auszufüllen schien, beruhigte sich mein eigenes Herz. Es war wohl noch Melancholie, aber gewaltsamer, gemischt mit selbstzerstörerischen und nihilistischen Sehnsüchten. Das Lebensgefühl war zerrissen, es gab keine Möglichkeit mehr, darin zu verharren. Wie sollte man sich auch in angerissenen Seilen sicher fühlen können?
Zurück konnte ich nicht und vor mir erschien die Welt wahrhaftig wie eine Eiswüste.
Man wird nicht ohne Ursache vegan und Aktivist, man macht sich nicht ohne Ursache soviel Mühe, mit Menschen zu arbeiten, zu denen man überhaupt keinen Draht hat, man setzt sich nicht selber in Strapazen und Gefahren, wenn man keinen Zweck verfolgt. Die neue, unverschleierte Wahrnehmung der Realität brachte ein viel bewussteres Wissen um die politischen und sozialen Missstände mit sich, die Übelkeit und Wut hervorriefen, und da es weit und breit keine Melancholie mehr gab, die einen zurückgeführt und gerettet hätte, folgte bei mir als Reaktion zuerst Verlorenheit, dann Unentschlossenheit darüber, wie es weitergehen soll, und schließlich der Versuch, handelnd etwas zu ändern. Dahinter stand der Wunsch, die Realität auch für einen reflexiven Menschen erträglich zu machen, und das Leben auch ohne Schwermut als schön erleben zu können. In diesem Sinne kann man jetzt den naiven Zustand als weniger wertvoll und die dazu gehörige Haltung sogar als falsch deuten, dahingegen den reflexiven Zustand als ein Glück weil er die Möglickeit bietet, zu erkennen wie es wirklich ist und den Weg zur Veränderung der Realität zum Besseren eröffnet.
Ich habe versucht, mich mit dieser Idee anzufreunden, weil ich denke, dass das die einzige Möglichkeit ist a) aus der Trauer um den Verlust der persönlichen Glückseligkeit herauszufinden und b) aus dem neuen Zustand etwas Positives zu machen, und das indem man versucht, Glücklichkeit für alle möglich zu machen. Mich beschleicht das Gefühl, dass es im Leben schließlich immer um Überwindung geht, egal in welchem Zusammenhang.
Aber so sehr all das auch einleuchtet und die Aussicht auf eine lebenswerte Realität auch vorantreibt, die Sehnsucht zurück in den naiven Zustand keimt immer wieder auf und lässt mich die Diskrepanz zwischen Wollen und Wollen-Müssen, zwischen der unbewussten und der bewussten Wahrnhmung der Welt umso deutlicher spüren. Es schmerzt und ich gebe zu, dass es mir äußerst schwer fällt, jedes Mal wieder von Neuem mit dem Vorankämpfen zu beginnen. Denn rational und auch emotional gesehen bin ich für die Umsetzung unter b). Aber nur weil man sich für etwas entschlossen hat, selbst wenn man sich wahrhaftig und aus guten Gründen dafür entschlossen hat, impliziert das leider nicht unbedingt dass man dem Entschluss immer folgt, geschweige denn sich dazu in der Lage fühlt. Demotivation, Rückschläge und Enttäuschungen warten überall, das liegt einfach in der Natur der ganzen Sache. Wegen solchem Scheiterns hab ich auch den Versuch als Veganer und Aktivist etwas zu verändern aufgegeben und musste mich der Welt eine lange Zeit ohne jegliches in der Hand stellen. Es waren zwei grausame Jahre bis ich einen neuen Weg für mich fand und auch der wankt unter meinen Füßen. Aber man muss weitermachen, man darf nicht aufgeben. Ich denke an Menschen wie B’., die Friedensprojekte leiten in Regionen, die jeden einzelnen Tag bedroht sind und das schon seit über 60 Jahren. Ich denke an die Figuren aus „la peste“, die sich selber nicht kennen und nicht durchschauen können, sich also selber nicht wirklich trauen können, und sich trotzdem immer wieder erheben um zu kämpfen. Und diese Gedanken zeigen mir etwas sehr Wichtiges: je mehr Kontakt mit der Realität du in deinem Leben zulässt, desto mehr hast du gegen ihre negativen Aspekte in der Hand. Ich bin auch wegen des Lesens und des Selber-Handelns aus meiner Naivität herauskatapultiert worden. Aber es sind genau die Dinge die ich dabei kennengelernt habe, die mir heute einen Ansporn geben, wenn ich nicht weiß, was tun in meinem ganzen reflexiven Chaos. Mich beschleicht das Gefühl, alles im Leben ist immer dialektisch. Oder auch: 1946 erschien “L’existentialisme est un humanisme”. Das würde auch zum „alles geht immer um Überwindung“-Gedanken passen.
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